Abwanderung der Jugend – oder: „These Boots Are Made for Walkin“


 „Was können wir tun, um die (jungen) Leute hier zu behalten?“

ist die zentrale Frage, die man sich in ländlichen Regionen stellt, denn der demografische Wandel trifft ländliche Regionen besonders hart. Wer kann, zieht weg, übrig bleiben nur die Alten und Schwachen, heißt es. In der Tat treibt es nicht wenige junge (und jung gebliebene) Leute hinaus in die Welt, um dort ihr Glück zu suchen. 

Und das ist auch gut so, behaupte ich.

Junge Leute müssen raus aus der Komfortzone. Sie müssen sich die Hörner abstoßen und an anderen messen können, die ihnen nicht nur deshalb wohlwollend begegnen, weil sie sie schon in den Windeln gesehen haben.

Junge Leute brauchen neue Impulse und Herausforderungen, um wirklich reifen zu können und sich zu professionalisieren, insbesondere, wenn sie den Ehrgeiz haben, nicht nur Mittelmaß sein zu wollen.

Wanderbewegungen fördern soziale und berufliche Kompetenzen

In der Fremde stellt man nämlich durch erhöhten Konkurrenzdruck und die fehlende Unterstützung von Freund_innen und Familie schnell fest, was man wirklich drauf hat.

Die eigene vermeintliche Genialität kann da auch schon mal ordentlich zusammenschrumpfen und sagenhafte Kompetenzen relativieren sich schnell im Vergleich zu dem, was andere können.

Alles zusammengenommen kann also der Weg in die Fremde helfen, sich selbst kritischer zu betrachten und dadurch das Beste aus sich selbst herauszuholen – zum Wohl für andere, aber vor allem auch für sich selbst.

Jetzt wird wohl der eine oder andere Aufschrei durch die Reihen gehen:

„Um Gottes Willen, dann werden wir ja noch weniger Leute auf dem Land!“

Stimmt. Vielleicht. Denn in den vergangenen Jahren sind nicht nur Menschen fortgegangen, sondern andere sind dafür auch in die Oberlausitz gezogen, Menschen, die ihre Erfahrungen schon gemacht haben und jetzt auf der Suche nach etwas Anderem sind. Aber natürlich könnten es noch deutlich mehr sein.

Das Wandern ist des Müllers Lust…

Während wir es heute vor allem mit Sorge betrachten, wenn die Jugend abwandert, so war genau das noch vor nicht allzu langer Zeit genauso gewollt. Viele unserer Vorfahren – ob Kaufleute oder Handwerker – zogen noch ganz selbstverständlich nach ihrer Ausbildung in die weite Welt hinaus.

Bis zur Industrialisierung war die „Walz“ für Handwerker in der Regel noch eine der Voraussetzungen, um überhaupt zur Meisterprüfung zugelassen zu werden.

Bevor es daher meinen Urahnen Ernst Ferdinand Schmalfuß zum Beispiel 1815 aus dem auch damals sagenumwobenen Leipzig in das vielleicht etwas konservativere Zittau zog, musste auch er sich erst einmal auf der Wanderschaft bewähren.

Verschiedene Arbeitgeber haben dabei Ernst Ferdinands berufliche Kenntnisse ausgebaut und ihm dadurch den letzten Schliff gegeben bevor er nach Zittau kam. Mit Sicherheit wird es nicht immer einfach für ihn gewesen sein, aber, wie heißt es so schön: „Man wächst mit seinen Aufgaben.“

Ernst Ferdinand folgte damit einer Familientradition: auch viele seiner Vorfahren waren schon vor ihm von einem Ort zum anderen gezogen. Ganz ursprünglich stammten diese nämlich einmal aus Pommern an der (heute) polnischen Küste, landeten in Greiz, zogen dann nach Leipzig bis er sich schließlich in Zittau niederließ.

Ich glaube kaum, dass sich jemand damals deshalb groß die Haare gerauft hat. Und das, obwohl es kein Whatsapp, Facebook oder Skype gegeben hat, um in Verbindung zu bleiben oder ICEs und Flugzeuge, um sich zu besuchen.

Wanderbewegungen zur Exzellenzförderung

Unterwegs, als „Fremde“, sollten die Gesellen neue Arbeitstechniken und Gepflogenheiten in fremden Regionen und Ländern kennen lernen und dadurch nicht zuletzt auch Lebenserfahrung sammeln. Und dass Kaufleute üblicherweise  gleich in mehreren Regionen ausgebildet wurden und verschiedene Sprachen sprechen mussten, um im internationalen Handel bestehen zu können, versteht sich von selbst.

Unsere Vorfahren wussten nämlich noch: Handwerker oder Kaufleute, die bereits an verschiedenen Orten tätig waren, sind eine Bereicherung für ihren Standort, denn sie bringen ein breites Wissen über andere Arbeitstechniken, neuartige Produkte und interkulturelle Kompetenzen mit.

Und auch wenn es die Begriffe „Wissenstransfer“, „Qualitätssicherung“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ damals wahrscheinlich noch gar nicht gab, so wussten diese Leute anscheinend ganz genau, wie sie genau diese Zielsetzungen für ihren Standort und ihre Zunft erreichen konnten.

Gute Rahmenbedingungen & Kontakte fördern Ansiedlung

Irgendetwas wird Ernst Ferdinand wohl motiviert haben, nach seiner Wanderschaft nicht nach Leipzig zurückzukehren – vermutlich erschien ihm Zittau für seine unternehmerischen Zukunftspläne einfach besser geeignet.

Während seine Vorfahren nämlich allesamt Kaufleute gewesen waren, war Ernst Ferdinand Branntweinbrenner und Brauer geworden. Und wenn er als ehrgeiziger junger Mann vorankommen wollte, brauchte er natürlich eins: eine Branntweinbrennerei zu guten Konditionen.

Regionalentwicklung Zittau

Restauration Reiche, Zittau, Bahnhofstr. 1 (von 1815 bis 1851 im Besitz des Branntweinbrenners Ernst Ferdinand Schmalfuß)

Vermutlich war es sein späterer Schwiegervater, der einflussreiche Schuhmacherälteste Johann Christoph Ganz, der ihm einige Türen öffnete, damit Ernst Ferdinand vor gut 200 Jahren den Bürgerstatus, seine Branntweinbrennerkonzession und ein geeignetes Grundstück in der Bahnhofstraße 1 erwerben konnte.

Natürlich musste Ernst Ferdinand dazu erst meine (für damalige Verhältnisse mit 29 Jahren schon etwas ältere) Ahnin Henriette Maria Ganz vorher ehelichen. „Familienbande fördern die Integration und die Sesshaftigkeit“ wird man sich wohl damals (unter anderem) gedacht haben….

Alles in allem sollten Ernst Ferdinand und auch die Zittauer seine Entscheidung nicht bereut haben. Bald darauf sollte er nämlich ein halbes Dutzend Kinder sowie etwa ebensoviele Grundstücke in der Stadt sein eigen nennen.

Jugend braucht Gestaltungsspielräume

Es liegt nicht in der Natur der Jugend zu bewahren, sondern Neues zu erleben und gestalten zu können. Jede neue Generation sucht etwas, dass sie von den Generationen davor unterscheidet und möchte die Welt ein kleines bisschen besser machen…

Ernst Ferdinand saß gemeinsam mit seinem Schwiegervater, dem Schuhmacherältesten Johann Christoph Ganz und dem Vater eines seiner späteren Schwiegersöhne, dem Weißgerber Johann Gottlieb Liebig, als Bürgerdeputhierter im Stadtrat. Alle drei werden zumindest im „Handbuch der Geschichte von Zittau“ des Diakons Christian Adolph Pescheck (2. Teil, 1837) erwähnt.

Ich behaupte jetzt einfach mal, dass man ihn dort ernst genommen hat und er auch als noch junger Unternehmer dort die Geschicke der Stadt mitsteuern konnte. Ansonsten hätte er sich sicherlich anderen Dingen zugewandt. Und sein Schwiegervater, der Schuhmacherälteste Ganz, hatte wahrscheinlich als Unternehmer trotz seines Alters auch noch wirtschaftliche Rahmenbedingungen fest im Blick, war durch den internationalen Handel Zittaus an „Fremde“ gewöhnt und vermutlich auch Neuem gegenüber aufgeschlossen.

Die Grauen Herren blockieren die Jugend

Heute jedoch scheint in der Oberlausitz – in Politik, Verwaltung und Gemeindegremien – fast ausschließlich eine ältere Herren-Generation die Geschicke zu lenken, eine Generation, die nach einem geregelten Berufsleben nun ihr beschauliches (Vor-) Rentnerdasein genießen möchte.

Anstatt der Jugend (oder gar einer fremden Jugend) Türen zu öffnen und Wege zu ebnen, wollen diese Grauen Herren vor allem eins: ihre persönliche Vorgartengemütlichkeit. Ob andere Menschen vielleicht andere Bedürfnisse haben als sie, dürfte vielen dabei ziemlich egal sein und ob sich ihre Entscheidungen für alle positiv auf die Region auswirken erst recht.  Veränderungen, Innovationen, Internationalität, Umbrüche und alles, was einen höheren Denk-, Arbeits- oder Energieaufwand bedeuten könnte, haben in dieser Welt eher keinen Platz.

Als junger Mensch in der Minderheit hat man es da mehr als schwer, sich Gehör zu verschaffen oder gar (mit-)gestalten zu können. Und als junge Frau dürfte es nahezu unmöglich sein, in diesen Gremien auch nur halbwegs für voll genommen zu werden.

These Boots Are Made for Walkin‘

Merkwürdig, dass ältere Generationen gerne vergessen, wie dieses Gefühl einmal war, als sie selbst noch furchtlos aufbrechen und die Welt verändern wollten. Man könnte fast meinen, sie sind alle schon mit Schlips, Bausparvertrag und Gesundheitsschuhen zur Welt gekommen.

Dabei haben doch viele der heute fast 80jährigen auch einmal mit einer wie Nancy Sinatra im Minirock bei Beat- und Rock ´n Roll-Musik ordentlich Party gemacht. Und die heute 50plusser wurden zumindest phasenweise von Punk und/oder Hard Rock gestreift. Sogar, wenn sie deshalb – so wie in der DDR – mit hohen Strafen rechnen mussten.

Das alles scheint jedoch kollektiv in den Langzeitgedächtnissen ausradiert zu sein, wenn davon geredet wird, dass bitteschön doch alles möglichst so bleiben soll wie es ist, wie es immer schon war.

Wanderbewegungen könnte man auch lenken

Neue Impulse für die Oberlausitz sind mehr als notwendig, neue Weichen, die gestellt und neue Wege, die beschritten werden. Und dazu braucht es auch neue Menschen, die hierher kommen und „mitspielen“ dürfen. Es gab und gibt überall Wanderbewegungen, die man dafür nutzen könnte.

(Junge) Menschen aus allen Orten und Regionen machen sich auf den Weg, um etwas Neues zu entdecken oder um ein neues Leben zu leben. Das liegt in der Natur der Dinge. Viele (junge) Menschen sind auch heute und jetzt auf der Suche nach dem richtigen Ort, um sich dort niederzulassen.

Nicht nur Flüchtlinge, sondern auch junge gut ausgebildete Menschen aus Griechenland, Italien, Spanien und Frankreich suchen – unter anderen – derzeit ihr Glück in Deutschland, nach den richtigen Rahmenbedingungen für ihre Pläne, Gestaltungsmöglichkeiten und nach Menschen, die sie willkommen heißen und Wege ebnen, damit sie sich eine Existenz aufbauen können.

Ein Großteil von ihnen sammelt sich in den nicht allzu weit entfernten Großstädten – Berlin, Leipzig und Dresden sowie in Prag und Breslau. Vor allem Berlin hat immer noch den Ruf, dass hier für junge Leute alles machbar ist und dass sie hier die Möglichkeit haben, – gemeinsam mit anderen kreativen ehrgeizigen jungen Leuten – etwas gestalten zu können.

Wollen die nicht oder wollen wir nicht?

Einigen von diesen Menschen geht es irgendwann wie Ernst Ferdinand Schmalfuß: sie haben genug von immer neuen Impulsen, möchten sich irgendwo sesshaft niederlassen, eine Familie gründen und mit Unternehmergeist etwas aufbauen können.

Und deshalb kann man sich nicht oft genug die wichtige Frage stellen:

Wie schafft man es, natürliche Wanderbewegungen erfolgreich so zu lenken, dass neue fähige Leute in die Oberlausitz kommen, Leute, die frische Ideen mitbringen, neue Erfahrungswerte und Kompetenzen?

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob auf diese Frage derzeit wirklich ernsthaft nach Antworten gesucht wird. Und die vergangenen Wahlergebnisse scheinen ja ebenfalls zu bestätigen, dass man in der Oberlausitz lieber ausschließlich nur unter sich bleiben möchte. Leider.

Denn eins steht für mich persönlich fest: je stärker die Bewahrer-Kräfte in der Oberlausitz wirken und je weniger man den Eindruck vermittelt, offen für Neues zu sein, desto größer wird der Impuls der Jugend sein, sich aus dem Staub zu machen und/oder fernzubleiben.

Niemand möchte auf Dauer gerne gegen (Bock-)Windmühlen ankämpfen. Und eine positive Regionalentwicklung – ob wirtschaftlich, sozial oder kulturell – kann so niemals gelingen.

Lieber Gott lass es ganz viele Zenker regnen

Wie gerne würde ich gerade einen Bürgermeister Thomas Zenker klonen, um ihn dann in möglichst viele Oberlausitzer Gemeinden und Städte setzen zu können. Einen Versuch wäre es wert zu sehen, wieviel frischer Wind hier vielleicht plötzlich wehen würde.

Oder ich würde wenigstens eine Jugendquote einführen, damit die Jugend endlich wieder mehr Einfluss gewinnt.

Leider kann ich weder das eine noch das andere, aber den „Bewahrern“, die sich immer auf „früher“ und Traditionen berufen, kann ich hiermit ans Herz legen, sich einmal damit zu beschäftigen, wie es „früher“ tatsächlich einmal war. „Früher“ war nämlich einmal alles ganz anders als jetzt, nicht nur in Zittau oder Löbau

Bis demnächst

Deine tRaumpilotin

PS: A propos Wanderbewegungen – gerade als ich an diesem Beitrag geschrieben habe, hat mich ein Ahnenforscher mit deutschen Wurzeln aus Südbrasilien angeschrieben – in fließendem Deutsch. Auf mein Nachfragen wegen seiner guten Sprachkenntnisse meinte er nur erstaunt, als wäre das ganz selbstverständlich:

„Wir sprechen hier noch Deutsch.“

Das nenne ich Traditionsbewusstsein, das nicht einmal von Kreuzberger Deutschtürken getoppt werden kann. Fast 200 Jahre nach der Auswanderung sprechen die Nachfahren von Auswanderern aus unserer Region noch deutsch und pflegen auch sonst die Traditionen ihrer alten Heimat in Brasilien. Wow!

Diese Südbrasilianer müssten sich also mit den Oberlausitzern theoretisch hervorragend verstehen. Vielleicht sollten wir mal mehr den Austausch zwischen Brasilien und Sachsen/Tschechien fördern? Ich freu mich schon auf die Salsa-Parties, bei denen sich bestimmt dann auch unsere älteren Herren amüsieren werden…

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