Bautzen als Lehrstück


Kornmarktplatz / BautzenWenn ich derzeit in Richtung Bautzen sehe und die Details ausblende, die in sämtlichen Presseartikeln im Vordergrund stehen – rechts/links, deutsch/nichtdeutsch – sehe ich vor allem eins: jede Menge junge Leute, die anscheinend außer Rand und Band sind.

Ausgerechnet in einer Region, wo permanent damit gehadert wird, dass die Gegend überaltert, dass es zu wenige junge Menschen gibt, steht jetzt plötzlich die Jugend im Fokus.

Und an der Art und Weise, wie sie hier im Fokus steht, glaube ich vor allem eines zu erkennen: diese Region hat den Bezug zur Jugend derzeit völlig verloren. Was nicht bedeuten soll, dass es andere Städte in Deutschland wirklich besser drauf hätten.

Egal woher ein junger Mensch ursprünglich stammt: wenn er kaum Vorbilder, keine Ziele, keine Beschäftigung hat und wenn ihm keine Chancen und Grenzen von einer respektierten Bezugsperson aufgezeigt werden, läuft er völlig aus dem Ruder.

Wir haben in Bautzen kein Flüchtlings-Problem, wir haben vor allem ein Pädagogik-Problem

Seien wir doch mal ehrlich, wir, die wir nicht mehr jugendlich sind: was haben wir zwischen 15 und 25 Jahren so getrieben? Wie und mit wem haben wir unsere Freizeit verbracht? Wie oft sind wir mit einem blauen Auge aus einer brenzligen Situation herausgekommen? Und was war ausschlaggebend, dass die Dinge nicht aus dem Ruder gelaufen sind?

In der Pubertät finden entscheidende Umbauprozesse im Gehirn statt. Wenn Du mir nicht glaubst, frag einen kompetenten Arzt oder lies diesen Artikel. Diese Umbauprozesse führen dazu, dass Pubertierende so ticken, wie sie ticken, nämlich in der Regel nicht ganz sauber, wie Erwachsene finden. Bei Jungs dauert die Pubertät übrigens durchschnittlich bis 21, manchmal etwas länger.

Ich will hier jetzt nichts verharmlosen, ganz im Gegenteil. Jeder, der sich 5 Minuten Zeit nimmt, weiß ganz genau: in der Kindheit und der Jugend wird der Grundstein für das weitere Leben gelegt. Hier entscheidet sich wesentlich, wohin der Kurs zukünftig steuert. Und in dieser Zeit können und müssen erwachsene Bezugspersonen entscheidend die Weichen stellen und nachsteuern.

Wenn man das nicht tut als Erwachsener, wenn man die Verantwortung für Kinder und Jugendliche nicht tragen will, dann gibt es dafür ein Wort: Verwahrlosung.

Wo sind diese erwachsenen Bezugspersonen?

Ich hatte das Glück, dass ich Vorbilder, Ziele und Träume hatte, dass ich die Möglichkeit hatte, mich kreativ zu betätigen, dass meine Freunde und ich von kirchlichen Sozialarbeitern regelmäßig sinnvoll beschäftigt und betreut wurden, obwohl wir in einem sehr kritischen Quartier gelebt haben.

Beschäftigung und Betreuung hieß in unserem Fall vor allem – begleitet von eben diesen Sozialarbeitern – , dass wir lernten Verantwortung zu übernehmen und uns für andere ehrenamtlich zu engagieren.

Wir leiteten und organisierten unser eigenes Café und unsere Disco-Abende, machten Bastelangebote für kleinere Kinder, betreuten Alte, sammelten Altpapier und gestalteten unsere eigene Zeitung je nach Gusto.

Aber vor allem hatte ich eins: liebevolle und anständige Eltern, die mir vorlebten, wie man sich zivilisiert verhält und zusätzlich andere Erwachsene, denen ich nacheiferte, weil ich sie bewunderte.

Wo sind diese Eltern in Bautzen? Nun, von den unbegleiteten jungen Flüchtlingen ist bekannt, dass sie keine haben. Aber was ist mit den anderen? Was ist mit den deutschen Jugendlichen, die anscheinend – genau wie die UMA – den ganzen Tag saufend und pöbelnd auf Bautzens Straßen und Plätzen abhängen?

Ganz ehrlich, wenn eins meiner Kinder sich in so einer Weise aufführen würde, wenn eins meiner Kinder besoffen andere anpöbeln oder gar körperlich attackieren würde, ich würde mich in Grund und Boden schämen, nachdem ich ihnen ordentlich die Leviten gelesen hätte.

Ich würde mich deshalb schämen, weil ich das Gefühl hätte, ich habe als Mutter versagt, ich habe meinen Job nicht richtig gemacht.

Die Gemeinschaft trägt Verantwortung für die Jugend

Kinder zu erziehen ist nicht alleine Aufgabe der Eltern, es ist eine Gesellschaftsaufgabe. Familien leben nicht im luftleeren Raum, sondern es gibt noch ein Drumherum, die Lebensumstände, Nachbarn, Schule etc., die einen positiven Einfluss auf die Entwicklung des Kindes nehmen – oder eben auch nicht.

Demokratisches soziales Verhalten wird nicht vererbt oder mit der Muttermilch eingesaugt, es wird erlernt, durch Vorbilder, durch Nachahmung, durch kritische Auseinandersetzung, durch Diskussionen etc. – es ist ein fortlaufender Prozess.

Und so haben sie Recht, die jungen Menschen in Bautzen, wenn sie anklagen: „Was habt Ihr denn für uns getan?“ – auch, wenn sie Rechts- oder Linksradikale sein sollten und alleine deshalb aus Deiner Sicht nichts zu melden haben sollten.

Nebenbei: in einer Demokratie hat jeder etwas zu melden, jeder darf seine Meinung, seine Wünsche und seine Kritik offen vorbringen, sofern er es gewaltfrei, respektvoll und ohne Beleidigungen vorbringt, auch wenn es uns manchmal nicht gefällt.

Erwachsene sind in der Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen

Nicht das Verhalten der jungen Leute sollte jetzt alleine im Fokus stehen, sondern vor allem alle Erwachsenen, die für sie verantwortlich waren und sind: Eltern, Nachbarn, Lehrer und natürlich auch die Politik. Jeder einzelne von denen sollte jetzt in sich gehen und sich eingestehen: ich habe versagt.

Wichtig ist jetzt, gemeinsam aus den Fehlern zu lernen, die Weichen neu zu stellen, zu überlegen, was Jugendliche eigentlich brauchen und das konsequent in Angriff zu nehmen. Und damit meine ich alle Jugendlichen und nicht nur die eigenen Kinder.

Bürgerschaftliches Engagement ist jetzt gefragt, nicht nur Rufe nach Politik, Verwaltung und Polizei. Gesellschaft ist nicht etwas, das allein von oben gestaltet wird, Gesellschaft gestaltet jeder einzelne von uns mit.

Krise als Chance

Übergangsweise mag es eine Lösung sein, das man Menschen fein säuberlich kategorisch aufteilt und in unterschiedliche Ecken schickt, damit sich die Nerven etwas beruhigen und das Konfliktpotenzial eingedämmt wird.

Langfristig jedoch müssen alle Beteiligten lernen, andersartige und andersdenkende zu tolerieren und miteinander respektvoll, fair und demokratisch umzugehen.

Was jetzt in jedem Fall dringend – und nicht nur in Bautzen – gebraucht wird, sind ausreichend erfahrene Sozialarbeiter mit interkulturellen Erfahrungen aus erster Hand, die in der Lage und Willens sind, mit Jugendlichen aus allen Lagern gleichzeitig zu jonglieren.

Integration und Toleranz kann man nur erreichen, indem man das respektvolle Miteinander fördert, indem Menschen Gelegenheit bekommen, sich kennen zu lernen, sich (moderiert) persönlich miteinander auseinanderzusetzen und vor allem gemeinsam etwas zu gestalten – für sich und für andere.

Ich glaube, Bautzen kann das schaffen, wenn alle an einem Strang ziehen und jeder einzelne sieht, wie er sich selbst dabei aktiv einbringen kann. Bautzen kann es schaffen, wenn Kraft und Zeit vorrangig dafür aufgewendet werden, gemeinsam Lösungen zu finden, statt sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen oder unüberlegter Kritik noch zusätzlich zu zermürben.

Bautzen muss das jetzt schaffen und Bautzen wird es schaffen. Und wenn diese Krise erfolgreich bewältigt ist, dann können sich viele andere Städte, die jetzt entrüstet auf dieses Oberlausitzer Städtchen sehen, sich daran ein Vorbild nehmen und beginnen, vor ihrer eigenen Tür zu kehren.

Bis demnächst

Deine tRaumpilotin

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