Immer nur der Spree folgen und dann irgendwann links


Mit Solarpolis auf Solarbooten über die Spree schippern © Arno Paulus Berlin

Mit Solarpolis auf Solarbooten über die Spree schippern © Arno Paulus Berlin

Schade, dass ich kein Boot habe – die Vorstellung ist schon nett, regelmäßig auf einem Hausboot von meiner einen Heimat Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin in die andere Heimat Oberlausitz zu schippern, wo eine der Spreequellen quasi bei meinem Haus um´s Eck entspringt.

Wie ich jetzt darauf komme? Nun, heute hat ein Freund von mir, der seit langem Solarschiff-Fahrten auf der Spree organisiert, diese kleine Animation der Berliner Zeitung zur Spree auf Facebook gepostet, die mich daran erinnert hat, dass die Spree sich ja, genau wie ich, regelmäßig zwischen der Oberlausitz und Berlin bewegt.

Vielleicht kann ich ihn ja irgendwann überreden, eine Solarboot-Linie extra für mich einzurichten?

Eine Berliner Art – aus dem Nichts gemeinsam etwas entstehen lassen

Einer der Clubs am Berliner Spreeufer, von denen im Beitrag der Berliner Zeitung die Rede ist, hat für mich einen besonderen Wert: der YAAM-Club.

Vor 20 Jahren taten sich Kreuzberger Sozialarbeiter, Musiker und Künstler mit viel Enthusiasmus und wenig Geld zusammen und ließen auf einer Industrie-Brache in Treptow, die gerade niemanden interessierte, ein kleines Paradies an der Spree entstehen, wo sowohl die Berliner „Szene“ als auch Familien fortan sonntags bei DJ-Musik in der Sonne entspannten oder Basketball spielten.

Auch ich war als Studentin mit meinen Freunden fast jeden Sonntag dort, um nach einem anstrengenden Party-Wochenende wieder Kraft zu tanken. Vieles ist seitdem passiert. Der YAAM-Club musste immer wieder umziehen, von einer Brache im Stadtbesitz, die zu begehrtem Bauland wurde, zur nächsten. Und er wurde mittlerweile „erwachsen“, meisterte die Herausforderungen und bekam Zuwachs an neuen Leuten, die ihn dabei unterstützten – nicht zuletzt auch durch bekannte Bands wie Seeed und Culcha Candela, die hier ihre Anfänge gefeiert haben. Seit dem letzten Umzug 2014 befindet er sich erst einmal (bis der nächste Investor kommt) am Spreeufer in Friedrichshain.

Spreeufer im YAAM-Club Berlin

Spreeufer im YAAM-Club Berlin

Ich wurde in dieser Zeit ebenfalls erwachsen und bekam meine Kids, mit denen ich im YAAM am Strand saß, als sie klein waren und die sich jetzt ebenfalls hier als YAAMies engagieren und von einer Musiker-Karriere träumen.

Das Projekt YAAM lässt sich mittlerweile nicht mehr nur als Verein bewältigen, so dass aus den Idealisten von damals auch Unternehmer mit einer GmbH geworden sind. Trotzdem versuchen sie ihren Grundsätzen treu zu bleiben, Entscheidungen ohne Hierarchien zu treffen und jeden, der sich dort ausprobieren möchte, offen und ohne Vorurteile aufzunehmen.

Und mit den Einnahmen aus dem Club-Betrieb finanziert die GmbH Sport-, Kunst- und Musikprojekte, die der Verein dort durchführt, um Familien und vor allem Kindern ohne Geld nicht nur ein bischen Lebensqualität zu geben, sondern ihnen auch neue Perspektiven zu ermöglichen –  entweder als Teilnehmer oder als Leiter dieser Angebote.

Standortentwicklung von unten – gemeinsam mit den Menschen vor Ort

Als Architektur-Studentin war ich in Projekten engagiert, bei denen es darum ging, problematische Standorte in Mexiko sowohl sozial als auch wirtschaftlich zu entwickeln. Das YAAM ist für mich ein Beispiel dafür, dass die Ansätze, die wir damals im Zusammenhang mit Entwicklungsländern angewandt und in Mexiko erlebt haben, auch hier in Berlin funktionieren.

Sowohl in Mexiko als auch in Berlin findet man an Standorten, die von großer Armut, Beschaffungskriminaltät sowie geringer Infrastruktur geprägt sind, häufig auch Kreative, Idealisten und Visionäre, die diese Gegenden spannend machen.

Und auch wenn die Medien vorrangig von den Dramen dort in Negativschlagzeilen berichten, kann man dort nicht selten gleichzeitig eine große Lebenslust, Kreativität und Improvisationstalent erleben. Dieses Potential zu nutzen, die Menschen und Projekte vor Ort sinnvoll zu vernetzen (so wie im YAAM) und gemeinsam etwas Neues entstehen zu lassen, an dem alle beteiligt sind, kann Erstaunliches bewegen.

Tue Gutes und sprich darüber

Seit mehr als 6 Jahren führe ich nun auch in Berlin auf diese Weise Projekte durch, die die Zielsetzung haben, problematische Standorte sowohl sozial als auch wirtschaftlich zu entwickeln, gemeinsam mit Gründern, Unternehmern, Künstlern und Anwohnern. Besonders am Herzen liegen mir dabei natürlich Projekte, Unternehmen und deren jeweiligen „Macher“, denen es nicht einfach nur um Gewinnmaximierung geht, sondern denen auch soziale und/oder ökologische Werte wichtig sind.

Eins haben viele von ihnen jedoch gemeinsam: sie sind so sehr mit dem „Tun“ beschäftigt, so engagiert in ihrem Alltag, dass es ihnen häufig schwer fällt, sich und ihre Leistungen öffentlich ins rechte Licht zu rücken und sich erfolgreich zu vermarkten. Und so freue ich mich jedesmal, wenn ich gebeten werde – von Politikern, Projektpartnern oder Gründern – Kontakte herzustellen und Unternehmensbesuche zu organisieren, damit sie mit den Unternehmern sprechen, sich Anregungen holen oder sich mit ihnen vernetzen können. Denn dann habe ich die Gelegenheit, genau diejenigen zu präsentieren, die mir ans Herz gewachsen sind und ihnen eine Plattform zu geben.

Jetzt bin ich auf der Suche nach spannenden Orten, Unternehmen und Projekten in der Oberlausitz, denn ich bin mir sicher, dass das, was in Mexiko und Berlin funktioniert, auch ein Plan für mich und die Oberlausitz sein kann.   Dort wo die Spree ihren Ursprung hat und ich einen Teil meiner Wurzeln, werde ich schon fündig werden.

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