Nur, wenn man auch ins Ungewisse springt, spürt man noch, dass man lebt


Selbstportrait 1990

als noch ungewiss war, was Berlin für mich bereit hält

Kommendes Wochenende breche ich auf in die Oberlausitz und ich fühle mich, als würde ich als Einsiedlerin in die Wildnis eines unbekannten Landes auswandern. Völlig verrückt. Die Tatsache, dass ich diesmal vorhabe, nicht nur einen kurzen Urlaub dort zu verbringen, sondern erst einmal dort zu bleiben, lässt die Gegend, die mir seit meiner Kindheit vertraut ist, plötzlich völlig anders erscheinen. Ich bin mir immer noch nicht sicher, wann und wie ich in Sachsen ins Netz kommen werde, um meinen Job zu machen und wie meine Auftragslage dort aussehen wird. Und es wird erst einmal schwierig werden, mit meinen Berliner Freunden in Kontakt zu bleiben, so dass ich mich völlig auf das einstellen muss, was ich dort vorfinde – eine völlig andere Welt.

Mein kleiner Rettungsanker sind die Menschen, die mir in meinem Dorf ans Herz gewachsen sind, das Grab meines Vaters und die Erinnerungen an Großeltern, Onkel und Tanten, die das Haus mit Leben füllten, als ich noch ein Kind war: noch heute sehe ich sie vor mir und höre sie lachen. Ich weiß, das klingt jetzt völlig melodramatisch, aber meine aktuelle Stimmungslage entspricht – warum auch immer – der, die ich hatte, als ich schwanger war: dünnhäutig, voller freudiger Erwartung und der unausgesprochenen Angst, dass vielleicht doch nicht alles gut ausgehen könnte…

Sachsenland – gefährliches Land?

Ich tausche eine überfüllte Stadt, die niemals ruht, in der alle Sprachen gesprochen werden, ständig etwas Neues passiert und die von den Sorgen geprägt ist, wegen der Gentrifizierung auf der Parkbank zu enden oder nicht hip genug zu sein oder von Banden ausgeraubt zu werden, gegen eine entvölkerte Gegend, in der viele wunderschöne Häuser an „unsicheren“ Grenzen leer stehen, jede kleine Veränderung sofort auffällt und mit einer mehr oder weniger homogenen Bevölkerung, aus der ich in jeder Hinsicht hervorsteche wie ein Löwenzahn im Geranienbeet.

Mein Vater wurde in meinem Dorf in der Oberlausitz geboren und hat sich immer dort zuhause gefühlt. Dort, wo die meisten Menschen eher klein, blass, blond und blauäugig sind, hatte er – groß, braun und schwarzhaarig –  immer seinen angestammten Platz und seine Freunde. Ich habe nie erlebt, dass ihm jemand  feindselig begegnet wäre und dass er dort das 3. Reich unbeschadet überstanden hat, spricht heute aus meiner Sicht dafür, dass die Menschen dort wesentlich toleranter waren, als die meisten annehmen würden. Im Gegenzug hat mein Vater es immer gleichmütig hingenommen, dass sofort in einem Radius von 30 km bekannt war, wenn er wieder im Lande weilte oder dass er auch als alter Mann noch grundsätzlich als potentieller Krimineller gefilzt wurde, wenn er sich in der Nähe einer der Grenzen aufhielt, aber mich hat es immer paranoid gemacht.

Aber, dass mich das paranoid gemacht hat, liegt nicht an den Sachsen, sondern daran, dass ich persönlich nicht akzeptieren kann, dass mein Aussehen anscheinend nicht dem Deutsch-Klischee entspricht. Und das ist leider eine objektive Tatsache, die man niemandem vorwerfen kann.

Heimatsuche

Oberlausitz

Oberlausitz

Ich bin nicht so dunkel wie mein Väterchen geworden, dafür haben die Gene meiner böhmischen Mutsch – klein, blond, blass und blauäugig – gesorgt. In Berlin falle ich eigentlich nicht auf, dazu ist die Stadt zu bunt. Trotzdem ist es mir auch hier in letzter Zeit häufiger passiert, dass ich immer häufiger mit Vermutungen zu meiner „Herkunft“ konfrontiert wurde, die durchaus auch freundlich gemeint sein können. Und das stößt mich dann immer zurück auf meine eigenen Fragen, die ich habe, denn tatsächlich kann ich nicht sagen, warum ich so aussehe, wie ich aussehe; schon mein Vater und davor seine Mutter wussten es nicht.

Ob man will oder nicht, man trägt das Gesicht, das man geerbt hat und die Menschen, die einen umgeben, reagieren darauf. Alle, diejenigen, die ich in Berlin kenne, diejenigen, die in Deutschland geboren sind ohne blass und blond zu sein, spüren gerade mit aller Macht ihre Entwurzelung, ihre Entheimatung durch tägliche Blicke, Äußerungen und vor allem durch die Berichterstattung der Medien. Mein Heimatgefühl war sowieso schon immer ein äußerst labiles, dadurch dass meine Mutter eine vertriebene Böhmin und mein Vater ein entflohener Sachse mit dem Gesicht eines Orientalen im Rheinland waren, als ich zur Welt kam. Vielleicht ist das der Grund, warum ich, nachdem  mir mein Väterchen vor Jahrzehnten die Überreste seines Arierpasses zeigte, begann, nach meinen Wurzeln, meiner Heimat zu suchen. Meine Gene kenne ich trotzdem bis heute nicht, dafür aber mittlerweile die Orte, an denen meine Vorfahren lebten, in der Oberlausitz, in Tschechien und in Polen und ihre Geschichten.

Jetzt, während ich schreibe, merke ich, dass dieser Ortswechsel eine ganz besondere Bedeutung für mich hat und wahrscheinlich ist es das, was mich so beunruhigt. Ich ziehe nicht einfach nur aus der Metropole auf´s Land. Es geht nicht einfach nur um Sinnsuche, Selbstverwirklichung und Neubeginn. Sondern ich bin auf der Suche nach Heimat und Identität. Wie makaber, dass ausgerechnet dort, wo ich jetzt nach meiner Heimat suchen will, anscheinend  gerade ein Kampf darum tobt, wer ein Recht dazu hat, sich dort niederzulassen (obwohl so viel Platz ist) und dass ich zumindest optisch wohl nicht dazugehöre. Aber Angst ist ein sehr schlechter Ratgeber und führt nur zu Unfreiheit.

Ich will jedenfalls wissen, ob ich dort so etwas wie „Heimat“ finde, aber ich will mich auch vergewissern, ob meine persönliche Wahrnehmung die ganzen Jahre falsch war oder die Berichterstattung der Medien. Wenn man den Medien Glauben schenkt, erhält man den Eindruck, in Sachsen quasi nur Unmenschen vorzufinden. Ich selbst aber habe dort immer nur hilfsbereite, anständige und fleißige Menschen getroffen, die seit Jahrzehnten versuchen, das Beste aus ihrer Situation am Rande Deutschlands zu machen. Dass diese Menschen jetzt mit in den Dreck gezerrt werden, mit allem, was das auch an Konsequenzen für ihre beruflichen Existenzen nach sich zieht, weil der Eindruck entsteht, dass die Oberlausitz eine No-Go-Area für alle Nicht-„Arier“ ist,  schmerzt mich und ich kann das einfach nicht so stehen lassen.

Fantasy und Realität

Gerade ist ein wichtiger Teil meiner Reiseausstattung angekommen: direkt drei Bände von „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin. Das sind die Vorteile einer fehlenden Internet-Anbindung: endlich werde ich wieder Zeit haben zu lesen und es gibt nicht viel, was mich dort davon ablenken kann. Theoretisch ist die Saga ja nicht unbedingt dazu geeignet, Nerven zu beruhigen, praktisch aber schon. Das Gute an Büchern ist, dass man sie zuklappen kann, wenn es einem zu aufregend wird. Und darüber hinaus gibt es immer die Hoffnung, das am Ende das Gute siegen wird. Und manchmal lassen sie die Realität richtig harmlos aussehen.

Und, ganz ehrlich, mir gefällt die Realität derzeit überhaupt nicht. Die Welt scheint mindestens genauso entfesselt und entmenschlicht zu sein, wie in meiner Fantasy-Saga. Ich weiß nicht, was ich erschreckender finden soll: die Willkühr und Brutalität, mit der die Mächtigen dieser Welt mit Menschen umgehen oder die „Untertanen“, die sich manipulieren lassen und sich gegenseitig bekämpfen, um ihre Pfründe zu sichern. Obwohl ich jetzt eine Double-20something bin, scheint meine Seele überhaupt nicht erwachsen geworden zu sein. Ich sehne mich nach Frieden, danach, dass Menschen respektvoll, wertschätzend und mitfühlend miteinander umgehen und gemeinsam etwas Positives entstehen lassen, anstatt zu zerstören. Ich weiß nicht, was ich widerlicher finde: diejenigen, die sich auf die Verteidigung ihrer Werte berufen (westlicher, christlicher, deutscher oder muslimischer Werte), wenn sie anderen Schaden zufügen oder diejenigen, die gar nicht erst vorgeben, Werte zu haben.

Alles hat seine Vor- und Nachteile. Die Tatsache, abgeschnitten vom Netz zu sein, führt auch dazu, dass ich erst einmal abgeschottet sein werde von dieser unsäglichen Nachrichtenflut, die immer neue Scheußlichkeiten mit sich bringt und einen lähmt. Stattdessen fülle ich die gewonnene Zeit schon jetzt gedanklich mit dem, was ich in den letzten Jahrzehnten völlig vernachlässigt habe, weil ich „Sinnvolleres“ zu tun hatte. Eigentlich schade und dumm, dass man erst äußere Zwänge benötigt, um guten Gewissens etwas für sich selbst zu tun: neben den Büchern habe ich noch meine Malsachen im Gepäck, meine Kamera, meine Ahnenforscher-Dokumente und Visionen für die Oberlausitz.

Ich werde dadurch neue Kraft tanken, um das zu tun, was mir gefällt und sinnvoll ist – auch für andere. Und vielleicht ist es ja auch so, dass man Heimat nicht einfach hat oder findet, sondern vielleicht ist Heimat ja der Ort, den man erst gemeinsam mit anderen auch für andere gestalten muss, um sich dort verwurzelt zu fühlen.

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