Eigentlich ist die Oberlausitz irgendwie so wie Kreuzberg früher einmal war


Zittau im Wandel

Zittau im Wandel

Wohnst Du noch oder….?

Seit meiner frühesten Kindheit habe ich fast jedes Jahr einen Teil meines Urlaubs bei meinen Verwandten in der Oberlausitz verbracht. Die Gegend und die Menschen sind mir also nicht völlig fremd und natürlich hat es mich immer interessiert, was dort los ist und was sich neu entwickelt hat.

Im Oktober diesen Jahres jedoch bin ich unter ganz anderen Vorzeichen hierhergekommen, nämlich mit der Idee, in der Oberlausitz sesshaft zu werden. Und natürlich bedeutete das auch auszuloten, welche Möglichkeiten man hier vorfindet zum Leben und zum Arbeiten, um sich dieses Leben zu finanzieren. So habe ich plötzlich alles mit völlig anderen Augen angesehen als bisher.

Die vergangenen sechs Wochen hier waren sehr intensiv, vergleichbar mit damals, als ich aus der Kleinstadt Aachen nach Berlin gezogen bin. Plötzlich taten sich Welten und Möglichkeiten vor mir auf, die ich nicht für möglich gehalten hatte und genauso ist es auch jetzt.

Viele Oberlausitzer werden jetzt vielleicht sagen: “Von was für Welten redet die denn eigentlich? Hier ist doch nüscht.“ Aber vielleicht braucht es immer den unverstellten Blick von außen, kindliche Neugierde und völlig andere Erfahrungen, um Potentiale zu entdecken und sich für Dinge zu begeistern, die für andere alltäglich sind.

Gestern saß ich nach langer Zeit wieder in einem meiner Lieblingscafés in Berlin, der „Dachkammer“, als ein stylisher 60plusser aus München sich neben mich setzte und davon schwärmte, wie toll und außergewöhnlich Berlin doch sei. Ich glaube, ich war nicht die Gesprächspartnerin, die er sich erhofft hatte, denn ich bin von dem, was man in Berlin heute vorfindet, satt.

Meine Begeisterung ist schon lange geschwunden und ich sehe mit Sentimentalität und Bedauern zurück auf das verlorene Berlin, das noch nicht hip, aber dafür voller Möglichkeiten und Lebens(t)räume war.

Kreuzberg 1968 – 2013: Abbruch, Aufbruch, Umbruch

Viele junge und auch ältere Leute beneiden uns, die wir vor und nach der Wendezeit in Berlin waren, um das, was wir hier erlebt haben. Im Rückblick erscheint es glamourös, wild und aufregend. Das war es auch. Nur zu dieser Zeit wusste es noch niemand.

Tatsächlich war gerade Ostberlin, verglichen mit heute, eine ziemlich öde Landschaft. Stundenlang fuhr man mit mehreren Bussen, U- und Straßenbahnen durch dunkle unbelebte Gegenden (der öffentliche Nahverkehr war eine Katastrophe), um sich dann in einem öden Hinterhof in einer illegalen schrillen Kellerbar zu treffen, die nur durch Mundpropaganda bekannt war.

Und in Kreuzberg, wo ich lebte, sah es nicht viel anders aus. Wir lebten in unsanierten Häusern mit Außenklos und fachsimpelten über mobile Duschelemente, die man in die Küchen stellen konnte und die Möglichkeiten, eine Wohnung durch Hausbesetzung zu ergattern.

Inside Kreuzberg

Improvisation, Kreativität und soziales Kapital

Unser „Lifestyle“ bestand aus Improvisation, ökologischer Hofbegrünung, einem ausgeprägten Gemeinschaftssinn und vor allem Kunst und Kultur in allen Facetten. Geld spielte dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Es gab immer Möglichkeiten, ein preiswertes Dach über dem Kopf zu haben und Autos, schicke Klamotten oder Hightech spielten keine Rolle. Das meiste Geld investierten wir stattdessen damals in Proberäume, Mal- und Fotoausrüstungen, Projekte und Startups, die damals noch keine Startups waren, sondern einfach Unternehmungen, die sich irgendwie aus dem Bedarf der Communities heraus ergaben und der Lust daran, etwas auszuprobieren.

Goodbye Ostberlin: Fotografien 1986–1989

Diese Berliner der 90er sind heute mindestens 45. Ein Teil von ihnen lebt gut situiert in Kreuzberger Eigentumswohnungen und gehört zu den Spießern, die sie früher einmal abgelehnt haben. Viele aber leben, so wie ich, immer noch die alten Ideen, die Werte und die Kreativität und haben damit auch ihre Kinder angesteckt. Nur leider finden solche Menschen in Berlin nicht mehr den Lebensraum, den sie benötigen und werden so mehr und mehr zu einer verdrängten Art.

Wo noch nichts ist, kann noch viel werden

Mandau-Höfe/ehem. Schubertsche Weberei in Zittau, Oberlausitz

Mandau-Höfe/ehem. Schubertsche Weberei in Zittau, Oberlausitz

Die Abwesenheit von Infrastruktur und professionellen Angeboten in der Oberlausitz, die leer stehenden Häuser, vergessenen Kulturdenkmäler und die Begeisterungsfähigkeit vieler Menschen vor Ort erinnern mich sehr an Kreuzberg und Prenzlauer Berg zu Beginn der 90er.

Und ich bilde mir ein, auch schon ein bischen Aufbruchstimmung gespürt zu haben. Die Trägheit, der Pessimismus und das Maulen einiger Oberlausitzer ist dem der Ur-Berliner von damals ziemlich ähnlich.

Doch dazwischen finden sich die anderen, die, so wie damals die Kreuzberger und Prenzl´berger Gemeinschaftssinn, Unternehmergeist, Energie und Kreativität besitzen und in dem, was abwesend ist, das Potential entdecken, etwas Neues zu entwickeln.

Und tatsächlich: wenn man genau hinsieht, entdeckt man schon die ersten Pioniere, so wie die „Verwaltung Berliner Grundstücke GmbH (VBG)“ die in Berlin-Kreuzberg, Berlin-Tegel aber auch in Zittau drei denkmalgeschützte Gewerbehöfe betreibt.

Wer weiß? Wenn neue Impulse von außen durch neu Zugezogene hinzu kommen – so wie auch damals in Berlin – und sich dadurch neue Synergien ergeben, denken einige in 25 Jahren von der Oberlausitz vielleicht das Gleiche wie von Berlin in den 90ern: es war glamourös, wild und aufregend.

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