Ödnis oder Entwicklungspotential – alles eine Frage der Perspektive


nicht Florenz, sondern Zittau

nicht Florenz, sondern Zittau

Als Friedrichshain-Kreuzbergerin merke ich, mein Blick auf die Oberlausitz ist ein völlig anderer als der Blick derer, die schon immer hier waren. Als ich Anfang ´89 nach Berlin kam, waren es vor allem die vielen Möglichkeiten, die sich darboten, die mich so faszinierten.

Ich war umgeben von Menschen, die experimentierten, die gestalteten, die Freiräume besetzten, die mit wenigen Mitteln aus Nichts etwas machten. Es ging dabei weniger darum, erfolgreiche „Startups“ zu werden, sondern mehr um ein Lebensgefühl, darum, zuzulassen, dass man Ideen und Visionen hatte, Mitstreiter zu finden und es einfach zu versuchen. Und Spaß dabei zu haben.

Freiräume können gestaltet werden

Vor allem nach der Wende entstand so fast jeden Tag irgend etwas Neues, an Orten, wo man nicht damit gerechnet hätte, Orte, die scheinbar völlig uninteressant waren und die (erstmal) niemand wollte. Und gerade dieses Improvisierte, Spontane, Unperfekte war es, das Berlin bis heute für viele so faszinierend macht.

Dahinter steckte eine gebündelte Kreativität, die Fähigkeit, nicht zu sehen, was es alles nicht gibt, sondern nur das was sein könnte. Und Menschen wurden dabei nicht nach ihrer Position oder ihrem Bankkonto beurteilt, sondern danach, was sie für Talente, Fähigkeiten und menschliche Qualitäten besaßen.

Es wurde nicht gejammert, dass man in Wohnungen mit Außenklo lebte, sondern über Duschkabinenmodelle gefachsimpelt, die man in die Küche stellen konnte. Heruntergekommene Altbauten waren keine Wohnorte des Abstiegs, sondern boten Raum für idyllische Hausgemeinschaften, für begrünte Innenhöfe und Kellerbars.

Industrie trifft Kultur

Vergessene Industriebrachen wurden zu Orten für Kunst und Kultur und gemeinschaftliches Tun. Und einigen ist es tatsächlich auch gelungen, sich damit eine berufliche Existenz aufzubauen.

Natürlich gab es auch diejenigen, die  mitschwammen, die sich cool und revolutionär fühlten, weil sie in einem besetzten Haus wohnten, während jeden Monat ein dicker Scheck von Mami und Papi eintrudelte und die, während die anderen noch dem Gemeinschaftsgedanken folgten, als erste ihre Eigentumswohnung sicherten..

War das eine Jugendbewegung? Ich glaube nicht. Ich glaube, es waren vor allem Leute, die hier zusammentrafen, die bewusst nach Berlin gegangen sind, dahin, wo niemand hinwollte, weil es eine Insel war, weil es heruntergekommen war, weil es billig war, weil es für Leute mit Geld uninteressant war und weil man  gerade dadurch Möglichkeiten hatte, die es woanders nicht gab.

Nicht die Ur-Berliner haben Berlin zu dem gemacht, was es heute ist, sondern die Abenteurer, die Aussteiger, die Visionäre, die Künstler.

Bewahren was war oder neu beginnen?

Natürlich waren wir jung, aber diejenigen, die damals dabei waren, sind es – zumindest innerlich – heute noch immer. Kreativität und Offenheit halten jung. Nur dass sie jetzt mehr damit beschäftigt sind, das, was entstanden ist zu bewahren, denn die Freiräume in Berlin schwinden nur so dahin.

Und nicht nur das: die existentiellen Grundlagen vieler, die nie besonderen Wert darauf gelegt haben, ihre Bankkonten zu füllen, weil sie mit anderen Dingen beschäftigt waren, zerbrechen. Berlin ist zu teuer geworden, für diejenigen, die es geprägt haben.

Das sind diejenigen, die heute mindestens 50 sind. Und dazu kommen ihre Kinder-eine Generation von Kindern, die noch den Hauch von Freiheit und Kreativität erlebt haben, von einem sozialen Netz, dass die Menschen selbst gewoben haben und jetzt im institutionalisierten Sozialgefüge von Jobcentern, Stadtteilmanagements und renditeorientierter Kreativwirtschaft herumflattern wie Singvögel in einer Volière.

Das sind Menschen, die ihr gewohntes Umfeld und ihre Sozialkontakte bereits verloren haben, weil die Mieten im ehemals so günstigen Friedrichshain-Kreuzberg explodiert sind oder sie zumindest das Damokles-Schwert über sich schweben sehen…

Aufbruch zu neuen Orten

Einige von ihnen haben bereits begonnen mit schmerzendem Herzen nach Perspektiven zu suchen, nach neuen Orten, wo sie sich für die Zukunft einrichten können, wo Visionen wieder Realität werden können und in denen das alte Lebensgefühl neu entstehen kann. Coolmühle ist so ein Ort.

Wenn uns vor 25 Jahren jemand gesagt hätte, dass einige von uns Friedrichshain-Kreuzbergern sich eines Tages für das Landleben begeistern würden, hätten wir ihm an den Kopf gegriffen. Aber so ist es geschehen und es werden noch mehr, denke ich.

Fast 40 Berliner, die Lust auf Land und individuelle Ideen zu dessen Nutzung mitbringen,  haben bei Wittstock vor einigen Jahren ein 27 Hektar großes Gelände (Grundriss-Coolmühle.pdf) mit Anbindung an die Mecklenburger Seenplatte erworben, ein Gelände, das sonst anscheinend niemand wollte.

Nachhaltigkeit, Ökologie und selbstbestimmtes Zusammenleben sind Stichworte für die Entwicklung und Nutzung des Geländes, das  “WIR” soll hier im Vordergrund stehen. Kunst und Kultur sind dabei natürlich auch ein wichtiger Bestandteil und mittlerweile pilgern viele Berliner dorthin, um ebenfalls daran teilzuhaben.

Endlich Land sehen…

Auch ich bin es müde, nur noch eine Bewahrerin zu sein und ständig um meine Existenz zu fürchten. Ich hätte eine von ihnen sein können, doch mich hat es stattdessen in die Oberlausitz verschlagen, ins Dreiländereck, hierhin, wo ich meine Wurzeln habe.

Aber genauso wie die Coolmühle-Leute, die anderen Exil-Friedrichshain-Kreuzberger, sehe ich hier nicht das, was nicht ist, sondern das, was hier noch alles entstehen kann, welche Möglichkeiten man hier hat, die es in Berlin schon lange nicht mehr gibt, Raum für Kreativität, Raum für soziales Wirtschaften und Raum, um mit sich und anderen im Einklang zu leben.

Deine tRaumpilotin

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