Und Stille war´s: wenn Berlin die Oberlausitz wäre


kreativ bewahren

Georgen-Parochial-Friedhof II, Berlin

Alles Utopie oder was?

Stell Dir vor, Du lebst in #Berlin und der letzte #Bus, die letzte Tram oder S-Bahn fährt zwischen 18 und 19 Uhr. Du kommst damit (vielleicht) gerade noch so von der Arbeit nach Hause, aber jetzt, wo Dein Feierabend beginnt und Du die Zeit hättest, Dich mit Freunden zu treffen, Veranstaltungen zu besuchen oder sonst etwas zu tun, gibt es außer Deinem eigenen Auto kein Transportmittel mehr. Blöde, wenn Du keins hast oder nicht gerne im Dunkeln Auto fährst, denn mittlerweile hat Berlin so viel Geld in den #BER gesteckt, dass es sparen muss und deshalb bleiben nachts – bis auf wenige ausgewählte Orte – sämtliche Laternen ausgeschaltet. Wenn es überhaupt welche gibt. Die Nacht ist schwarz, richtig schwarz.

Nun gut, zum #Auto fahren hast Du jetzt keine Lust mehr, aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten. Gehst Du halt zu Fuß zu Deiner Kneipe an der Ecke. Immerhin einige Nachbar_innen von Dir sind auch da, ansonsten ist der Laden leer, denn denen, die sonst hierher gekommen sind, geht es wie Dir: keine Lust mit dem Auto in eine Kneipe zu fahren. Ein bischen wehmütig denkst Du an die Zeiten zurück, als sich hier noch Familie, Kumpels und Kollegen getroffen haben um bis morgens früh zu reden, zu tanzen und zu feiern. Und als es nicht die einzige Kneipe war, sondern man noch zwischen verschiedenen Angeboten wählen konnte, einem Kino, einem Billiard-Salon, einem kleinen Theater und verschiedene Restaurants und Cafés. Jetzt gibt es die alle nicht mehr – sie wurden zu wenig besucht.

Einige von Deinen Freunden raffen sich tatsächlich von Zeit zu Zeit auf und kommen mit dem Fahrrad aus dem Nachbarbezirk geradelt, damit der Kontakt nicht ganz abbricht. Aber nicht jedem ist es gegeben, 1 oder 1 1/2 Stunden auf dem Fahrrad durchzuhalten. Die fühlen sich zwar noch jung, aber das eine oder andere Zipperlein plagt sie doch schon. Hin geht ja immer noch, aber dann zurück, in der absoluten Finsternis, mit dem Risiko einem alkoholisierten Geisterfahrer zu begegnen… Deinen Kindern, ihren Freundinnen und Freunden geht es nicht viel anders als Dir. Sie sind zwar fit genug, um auch längere Strecken mit dem Fahrrad zu fahren, aber wohl ist Dir dabei nicht in Deiner Haut, wenn sie das im Dunkeln tun. Es sind zwar nachts nicht mehr so viele mit dem Auto unterwegs wie früher, aber die, die unterwegs sind, fahren dafür oft genug, als würde die Straße nur ihnen gehören…

Im Funkloch verschwunden

#Berlin, seine #Kulturschaffenden und einige engagierte #Unternehmergemeinschaften haben das Problem schon lange erkannt: Berlin muss wieder belebt werden und es hat ja auch – immer noch – viel zu bieten. Zahlreiche #Webseiten werben mit der Attraktivität der Stadt und so kommen auch tatsächlich nach wie vor einige #Touristinnen und Touristen aus aller Welt in die #Stadt und wollen sie erkunden. Du erkennst sie sofort, denn es sind die, die jetzt, wo sie vor Ort sind, ihre #Smartphones zücken, um festzustellen, was sie in der näheren Umgebung entdecken, wo sie essen, shoppen, Kaffee trinken könnten und welche kulturellen Veranstaltungen es gibt.

Ganz schnell stecken sie dann immer ihre Smartphones wieder ein, denn sie finden kein #Netz. Die Stadt ist voller #Funklöcher, weil es sich nicht mehr lohnt, hier in teure #Mobilfunktechnik zu investieren. Es gibt deshalb mittlerweile nur noch einen Netz-Anbieter und auch der beschränkt sich bei seinen Investitionen auf die absoluten #Hotspots der Stadt. Leider sind diese jedoch nur rar und die Besucher_innen wissen nicht, wo sie sie finden können, haben sie doch versäumt, sich alle notwendigen Informationen für ihren #Reiseort bereits zu Hause zu notieren. Wozu denn auch? Sie haben vorher schon halb Europa und Asien bereist und da war das nie notwendig…

Du weißt jetzt schon, was kommt, wenn Du sie dann auf Deine Kneipe zusteuern siehst oder auf die letzte Bäckerei mit 3 Stühlen vor der Tür, denn Du bist jung und interessiert (und damit meine ich jetzt alle, die sich jung fühlen) und nimmst am Weltgeschehen teil. Und fast schon bist Du schadenfroh, wenn sie wenige Minuten später dann mit hängenden Köpfen wieder herauskommen. Kein #WLAN, um die spannenden Webseiten im #Internet noch einmal anzusehen, die man sich zu Hause als Lesezeichen abgespeichert hat oder um die Adresse von dem neuen spannenden #Kulturort zu finden, von dem sowohl der Kneipier und die Bäckerin leider noch nie gehört haben. Die beiden haben genug damit zu tun, ihre Geschäfte am Laufen zu halten und sind dann froh, wenn sie endlich einige Bezirke weiter bei ihren Familien sind. Und von #kreativen Spinnern halten sie sowieso nicht viel.

Einige Orte haben sich die Touris ja Gottseidank gemerkt und wissen immerhin noch ungefähr, wie sie dorthin kommen. Nun diskutieren sie, ob es sich lohnt, dorthin zu fahren, denn leider kennen sie nicht die genauen #Öffnungszeiten und wollen ihre Zeit nicht mit sinnloser Fahrerei verplempern….

Aber warum soll es ihnen besser gehen als Dir? Theoretisch könntest auch Du durch das Internet mit der Welt in Kontakt bleiben und Dir alle Informationen besorgen, die Du brauchst. Nuuun, die großen #Internetanbieter, wie sie nicht alle heißen, haben ihr Angebot in Berlin aber mittlerweile auch leider eingestellt, Berlin ist nicht mehr hip, die Investition lohnt nicht mehr, die bisherigen Leitungen sind alle vergammelt. Dein Sohn mault, weil er mit seinen Kumpels nicht mehr chatten und spielen kann, (die, die in der Nähe eines Hotspots leben, können das aber immer noch!), Deine Tochter, weil sie ihre Lieblingsserien und Youtube-Videos nicht mehr online sehen kann. Und ihr ist es mehr als peinlich, wenn Lehrer_innen und Berufsberater_innen auf Informationen verweisen, die man sich aus dem Internet herunterladen soll, um auf dem Laufenden zu bleiben. Aber was will man machen?

Du fragst Dich gerade, wie ich darauf komme, so eine irrwitzige Utopie zu beschreiben? Nun, willkommen in meinem Leben in der #Oberlausitz, hier ist das so! 🙂

Was wäre wohl, wenn dieses Szenario auch nur einen Tag in Berlin tatsächlich real würde, ein Wochenende oder gar eine Woche? Keine #Straßenbeleuchtung, kein #Netz, kaum öffentlicher #Nahverkehr, absolute Funkstille? Ich behaupte, nach der ersten Panik würde der Ausnahmezustand ausgerufen und die Empörung wäre groß. Scharenweise würden die Leute zum Alex oder wohin auch immer pilgern, um zu protestieren. Die Welt, ihre Probleme, politische Konflikte und unterschiedliche Interessen wären plötzlich (fast) vergessen, die Berliner Bevölkerung, alt, jung, grün, braun, rot, mit und ohne Migrationshintergrund hingegen absolut vereint mit einem einzigen gemeinsamen Ruf: schaltet gefälligst das Netz und das Licht wieder an und lasst die Tram wieder fahren!

S O F O R T! J E T Z T!

Die Revolution würde ausgerufen, Jugendliche und alle, die sich noch dafür halten (also halb Berlin) würden sich in den Straßen versammeln, Pflastersteine würden fliegen, Autos brennen…. Eigentlich fehlt mir das Vorstellungsvermögen, um mir auszumalen, was genau alles passieren würde. Aber ich bin mir vollkommen sicher: es würde ordentlich abgehen! Nun, aber vielleicht ist es ja auch so, dass man sich mehr darüber aufregt, wenn man etwas Gewohntes verliert als über etwas, an das man (noch) gar nicht gewöhnt ist? Oder wie siehst Du das?

Bewahren oder kreativ verändern?

Mein Vater, der #Oberlausitzer, war ein Gemütsmensch, der geradezu stoisch sein konnte. Wenn es etwas zu tun gab, dann tat er es, ob er nun dazu Lust hatte oder auch nicht, immer ohne zu jammern. Er verlor nicht einmal ein Wort darüber. Schweigend das Werkzeug nehmen und loslegen. Und in Umstände, die andere vielleicht zum Wahnsinn treiben würden, fügte er sich mit einer Affengeduld. Er konnte hervorragend warten, ausharren, hinnehmen. Er war mit sehr wenig schon zufrieden und am zufriedensten war er, wenn alles so blieb, wie es war. #Apern (Kartoffeln) mit Quark und Schrebergarten ist die Kurzfassung dafür. Ich weiß nicht, ob er damit ein typischer Vertreter der #Oberlausitz war, aber manchmal kommt es mir so vor. Hätte er in einem Oberlausitzer #Gemeinderat gesessen, ich weiß genau, wofür er gestimmt hätte und wofür nicht.

Aber immerhin konnte er auch damit leben, dass ich so völlig aus der Art geraten war und mich – im Gegensatz zu ihm – immer für das Neue und Bunte begeistert habe. Ich habe nie von ihm einen Vorwurf gehört, auch nicht, wenn er mich mal aus dem Schlamassel holen musste, weil ich mich verkalkuliert hatte. Aber meistens ist ja auch was Gutes daraus geworden. Erst jetzt ist mir richtig bewusst geworden, was ich ihm zu verdanken habe, weil er mich immer bei allem unterstützt hat.  Er tat es immer auf seine Art: ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren und mit einer Affengeduld.

Wahrscheinlich fand er es gerade gut so, wie ich war und bin, anders als er, denn, konsequent wie er war, hätte er mir sonst wohl kaum zur Seite gestanden. Ja, ich glaube, wir haben uns gerade deshalb so gut verstanden, weil wir so unterschiedlich waren  – der Bewahrer und die Kreative – und trotzdem ein unterschütterliches Vertrauen ineinander hatten. Und vielleicht ist es auch das, was generell Familie, ein erfolgreiches  Zusammenspiel der Generationen und Gesellschaft ausmachen: eine gesunde Ausgewogenheit darin, das Bewährte zu bewahren und gleichzeitig gelassen auch Veränderungen und Neues zuzulassen.

Mobilität – analog und digital – ist der Schlüssel. Trotz allem.

Ich kenne auch Leute, die deutlich jünger sind als ich und froh sind, dass die Welt in der #Oberlausitz nicht so reizüberflutend und beschleunigt ist, weil sich irgendein Smartphone ständig meldet. Und irgendwie haben sie auch Recht, dass dieses deutlich ruhigere Leben, in dem der Mensch noch im Mittelpunkt steht, auch eine besondere Lebensqualität hat. In der #Oberlausitz ticken die Uhren noch anders und das ist auch gut so. Mir selbst geht es sehr gut damit. Ich finde, es menschelt hier deutlich mehr, als ich es von Berlin kenne und alle sind deutlich entspannter. Und so funktioniert auch die Freundschafts-, Kunden- und Besucher_innengewinnung vor Ort noch mehr wie stille Post über die persönliche Empfehlung als über bunte Webseiten oder schrille Facebook-Posts.

Es gibt sie, die interessanten #Unternehmen, die #Kreativen und vor allem die #Freiräume in der #Oberlausitz, wo sich engagierte und offene Menschen zusammengefunden haben, um gemeinsam etwas Neues aufzubauen und die andere herzlich willkommen heißen. Es gibt sie alle, zahlreich und mit einem vielfältigen Angebot. Auch für junge Leute oder die, die sich noch jung fühlen. Aber sie zu finden und zu erreichen ist derzeit noch eine Kunst für sich und gerade auch für Leute, die nicht dauerhaft hier siedeln, derzeit kaum realisierbar oder – verglichen mit Berlin – extrem mühselig.

So gut wie alle Gewerbetreibende, deren Arbeitnehmer_innen und damit auch die Anwohner_innen würden jedoch deutlich davon profitieren können, wenn mehr Besucher_innen in die #Oberlausitz kämen, diese Orte und Menschen endlich entdecken würden und dann begeistert zu Hause davon berichten würden. Es ist an der Zeit, dass Dornröschen wachgeküsst wird.

Selbst im überfüllten Berlin schaffen es nur noch die die wenigsten Ladenbesitzer_innen oder Kulturschaffenden lediglich durch die Menschen zu existieren, die in ihrem direkten Einzugsgebiet leben. Die meisten leben zusätzlich – neben dem Internethandel – von den zahlreichen Berlinbesucher_innen aus ganz Deutschland und aller Welt. Dementsprechend sind diese heiß umkämpft und werden crossmedial angelockt – analog, digital und durch Special Events für alle Altersgruppen. #Berlin hat nicht unbedingt Besseres zu bieten als die #Oberlausitz, nur das, was es zu bieten hat, wird auch gezeigt und ist damit in der Öffentlichkeit präsent. Und auch die zahlreichen Akteure und Initiativen, die Berlin bewegen, schaffen es nur, sich innerhalb und außerhalb Berlins zu vernetzen und ihre Netzwerke aufrecht zu erhalten, indem sie permanent gezielt das Internet nutzen. Und dass die – oft auch weit entfernten – Orte dann auch real aufgesucht und persönliche Kontakte gehalten werden können, liegt alleine daran, dass alle – sowohl Besucher_innen als auch Berliner_innen in jedem Alter, mit und ohne Handicap – auch ohne Auto fast alle Orte nahezu rund um die Uhr auch relativ problemlos erreichen können.

Was wäre, wenn es nicht so wäre? Nun, das hast Du gerade oben gelesen.

Also, liebes älteres #Gemeinderatsmitglied oder #Oberlausitzer #Entscheidungsträger_in: bitte gib Dir einen Ruck, tue das Richtige und unterstütze Deine Leute, indem Du gescheit in die Zukunft investierst: durch #Mobilität, #WLAN, #Funknetze und zeitgemäße #Öffentlichkeitsarbeit³. Und gib der #Jugend – so wie mein Vater – gelassen und vertrauensvoll Rückendeckung, wenn sie ihre eigenen Wege gehen möchte und Neues ausprobiert….

Bis demnächst

Deine tRaumpilotin

www.traumpilotin.de

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