Wozu denn Mobilität? Einfach ausharren, abwarten, sitzen bleiben


Per Anhalter durch die Oberlausitz, ganz ohne Finger zeigen. Die Mitfahrbank macht es möglich. | Foto: Bürgerliste Löbau

Mehr Mobilität dank der ersten Mitfahrbank in Löbau | Foto: Bürgerliste Löbau

Als meine Mutsch noch jung war und wahrscheinlich noch niemand das Wort Mobilität kannte, war es für fast alle Dörfler_innen in der Oberlausitz noch selbstverständlich, regelmäßig auch Strecken von 4 km oder mehr zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewältigen. Natürlich könnte man sich jetzt zurücklehnen und plädieren, dass die Leute das bitteschön auch heute noch genauso tun könnten. Regelmäßiges Laufen und Fahrrad fahren stärken ja schließlich auch noch die Gesundheit.

Abgesehen von dem demographischen Wandel in der Oberlausitz und dem damit verbunden hohen Anteil der Älteren hier, muss man aber bei allem Gesundheitsbewusstsein trotzdem einmal feststellen: diese Zeiten sind schon lange vorbei, es scheint nur noch nicht bei allen angekommen zu sein.

Schade eigentlich: ‪#‎Sachsen‬ erhält dieses Jahr 58 Millionen Euro mehr für Bahn und Bus, schrieb die SZ kürzlich und „verteilt das Geld neu: nach ‪#‎Demografie‬ und ‪#‎Wirtschaftskraft‬.“ Soso. „Gewinner sind Leipzig, Nord- und Mittelsachsen, deren Anteile zulegen, zulasten von ‪#‎Oberlausitz‬/Niederschlesien und Vogtland. Franziska Schubert (Landtagsabgeordnete, stellvertretende Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/ Die Grünen beim Sächsischen Landtag) kommentierte meinen Facebook-Post dazu prompt „So geht sächsisch.“

Die Potentiale für Mobilitätsangebote sind noch lange nicht ausgeschöpft

Nun – anscheinend sind die Verantwortlichen der derzeitigen sächsischen Landesregierung der Meinung, es lohne nicht, in ländliche Regionen zu investieren. Zu wenige Leute, zu alt und zu wenige verkaufte Fahrscheine in der Vergangenheit lassen das nicht rentabel erscheinen. Hätten sie doch nur mal auf Thomas Wehmeier und Annika Koch gehört. In ihrem Dossier „Mobilitätschancen und Verkehrsverhalten in nachfrageschwachen ländlichen Räumen“ des BBSR sind die bereits 2010 zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen: „Zusammenfassend kann also festgestellt werden, dass in verdichteten Kreisen trotz eines deutlich besseren Angebots öffentlicher Verkehrsmittel, bezogen auf die Relationen zu nächstgelegenen Mittel- und Oberzentren, nahezu keine höhere oder regelmäßigere ÖV-Nutzung zu beobachten ist als in ländlichen Kreisen. Dies legt die Folgerung nahe, dass insbesondere in verdichteten Kreisen ein noch größeres Potenzial an neu zu gewinnenden Kunden steckt.“

Was genau heißt das also? Ich würde sagen, dass gerade auch in ländlichen Räumen durchaus noch ein Potential besteht, welches durch das bestehende Angebot noch nicht ausreichend genutzt wird. Auf den Bedarf der potentiellen Nutzer_innen wird wahrscheinlich auch hier noch nicht ausreichend eingegangen und das bestehende Angebot ist zudem gleichzeitig deutlich kleiner als in den Ballungszentren. Die Frage, die sich mir regelmäßig stellt, ist, ob und wie mögliche Kundengruppen des öffentlichen Nahverkehrs überhaupt analysiert werden, um ihnen ein passendes Angebot zu machen? Und warum es hier anscheinend nur so wenige Leute gibt, die die Gelegenheit nutzen, um auf den Lücken und deutlich bestehenden Bedarfen eine eigene Selbstständigkeit aufzubauen?

Wer alt ist oder eine Behinderung hat, kann schön zuhause bleiben

Älter zu sein oder eine Behinderung zu haben, bedeutet nicht unbedingt, dass man nicht (selbstständig) #mobil sein möchte oder muss. In den vergangenen Jahren ist mir neben der steigenden Anzahl gesundheits- und umweltbewusster Menschen #50+, die in der Oberlausitz mit Wanderstöcken oder Fahrrädern unterwegs sind, auch eine Vermehrung von Rollator – oder Gehstockbenutzer_innen aufgefallen. Gerade die Frauen unter ihnen haben häufig weder Auto noch Führerschein. Gleichzeitig erlebe ich aber auch, dass die wenigen Busse und ihre Fahrer_innen, die noch fahren, in der Regel kaum auf Menschen mit Gehbehinderungen eingestellt sind.

Dazu kommt noch die subjektive Befürchtung der Älteren, nicht schnell und sicher genug aus- und einsteigen zu können. Ihre nächste berechtigte Sorge ist dann, dass sie am Zielort ewig ausharren müssen, bis der nächste Bus nach Hause fährt, was bei gesundheitlichen Problemen (da reicht schon Diabetes) zum persönlichen Drama werden kann, wie ich im vergangenen Jahr anschaulich erleben durfte.

Ein Recht auf Teilhabe? Was soll das sein?

Ich hatte für einen Kunden einen Messeauftritt bei der Ostsächsischen #Pflegemesse „Zukunft Pflege“ in #Löbau organisiert und dachte, es sei eine gute Idee, wenn ich meine Mutsch und ihre beste Freundin als potentielle Kundinnen für die Aussteller_innen vor Ort an einem Samstag mit dorthin nehmen würde. Leider hatte ich mir keine Gedanken gemacht, wie sie später vom #Messegelände wieder in unser #Dorf kommen sollten, wenn ich selbst noch in Löbau zu tun hätte.

Samstags fahren keine Busse (außer man hat bis Freitagnachmittag einen Platz im Rufbus bestellt, was meinen Omis nie (rechtzeitig) einfallen würde. Stattdessen wollten die Damen sich ein Taxi teilen und gemeinsam (weil unterzuckert) essen gehen. – Hat mich das Nerven gekostet. Wer erwartet schon, dass vor einem Messegelände keine Taxis stehen und dass Du weder #WLAN noch ein #Funknetz findest? Und dass die Service-Leute vor Ort Dich ansehen, als wolltest Du ein Kamel bestellen? Und dass der einzige #Taxifahrer, an den die sich schließlich erinnern, nachmittags noch schlafen würde?

Gottseidank hat es dann doch noch irgendwie mit dem Taxi geklappt. Aber die Frage, die sich mir unweigerlich stellte, war die: warum scheint es allen – den Veranstalter_innen, den Aussteller_innen, den politisch Verantwortlichen – so egal zu sein, ob ausgerechnet die Menschen, die es selbst betrifft, sich auf dieser Pflegemesse auch selbst informieren können? War da nicht mal eigentlich was mit Rechten auf Teilhabe, die gesetzlich verankert sind?

Und geht es den Taxifahrer_innen hier – im Gegensatz zu Berlin – finanziell so gut, dass es sich nicht mal lohnt, an einem Messegelände auf Kundschaft zu warten? Nun auf die Politik zu warten ist das eine, selbst Initiative zu ergreifen, entweder durch bürgerschaftliches oder auch unternehmerisches Engagement, ist das andere.

Die Oberlausitzer Jugend blickt aus Berlin zur Oberlausitz

Mein junger Blogger-Kollege #LauterBautzner in Berlin schreibt als Exilant regelmäßig Artikel zum Geschehen in der #Oberlausitz.  In einem seiner neuesten Blogbeiträge beschäftigt auch er sich mit den Möglichkeiten von Mobilitätsangeboten in seiner alten Heimat. Warum wohl?

https://lauterbautzner.eu/2016/06/19/wenn-der-weg-nicht-mehr-das-ziel-ist-mobilitaetsalternativen-fuer-die-oberlausitz/

Berlin platzt mehr und mehr aus allen Nähten vor lauter #Zuwanderer_innen: gerade mal 48 Prozent der Einwohner_innen sind dort geboren. Die Berliner #Morgenpost listete vor kurzem einmal auf,  aus welchen (Klein-)Städten die zugewanderten Berliner_innen ursprünglich stammen  – von Castrop-Rauxel bis Canberra. An der Spitze stehen dabei übrigens nicht Istanbul oder Ankara, sondern Dresden und Leipzig. Und wenn wir wissen wollen, warum das so ist, sollten wir uns wohl besser die Zeit nehmen, denjenigen, die aus der Oberlausitz dorthin gegangen sind, deutlich und ernsthaft zuzuhören.

Gerade hat Lauter Bautz´ner auch noch frisch seinen #LaBa-Laden eröffnet. Wo? Nun, im Berliner Netz. Da kann man dann auch von der Oberlausitz aus einkaufen. Wenn man ein Netz hat.

Die ländliche Region braucht Visionen und (unternehmerisches) Engagement

Berlin hat keine #Mitfahrbank, aber dafür bekommt es nun ein neues öffentliches Leihsystem für Fahrräder. Nicht, dass es ein solches Angebot dort noch nicht gäbe, aber anscheinend ist noch Luft nach oben. Jetzt werden, wie immer, einige Vorschnelle sagen: jaaa-Berlin! Da sind ja auch viel mehr Leute! Stimmt! In Berlin gibt es viel mehr Leute. Und es gibt bereits diverse Möglichkeiten Fahrräder zu leihen. Oder Car-Sharing zu nutzen. Oder mit Bussen zu fahren, mit der Tram, der S-Bahn, einer Rikscha, einer Kutsche oder einem Taxi. Und es gibt viele Taxifahrer in Berlin, sehr viele. Nu rechne mal…

Also warum sollten nicht auch auf Oberlausitzer Dörfern E-Bikes verliehen werden, da wo (noch) nüscht ist? Warum findet sich jeder damit ab, dass zumindest diejenigen zwischen 18 und Rente sämtliche Strecken mit ihrem eigenen Auto fahren und alle anderen – Omas, Kinder und Teenies – bei Bedarf auch noch herumkutschieren? Warum gibt es keine Omamobile, Vans, die regelmäßig eine Gruppe Omis zum Einkaufen chauffieren oder ins Café oder zu einem Ausflugsziel? Oder Sammeltaxis, die die Jugend sicher in die Disco oder zu Jugendtreffs bringen und wieder zurück, damit die sich nicht Dank eines frisch erworbenen Führerscheins des Kumpels um den nächsten Baum wickelt?

Und was wäre, wenn die Wasserwege neu entdeckt würden, so dass auch die Straßen entlastet würden? Und soll es wirklich nicht möglich sein, das noch bestehende Schienennetz in irgendeiner Form sinnvoll zu nutzen? Und warum bitteschön gibt es keine überregionalen und auch gut beworbenen! #Ideenwettbewerbe, um genau die Leute anzulocken, die Lust hätten, mit genau solchen oder anderen Mobilitätsideen in der #Oberlausitz ein Startup zu gründen?

Mobilität ist ein Schlüsselfaktor

Woher nur kommen dieses Ausharren und Abwarten und dieses sich ins Schicksal fügen? Die Angebote in einer Region hängen nicht ausschließlich davon ab, was Politik und Verwaltung bereitstellen, sondern auch vom Unternehmergeist der Bevölkerung, die dort lebt. Von der Lust und Bereitschaft, selbst Initiative zu ergreifen, Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Von dem Wunsch, mit Leidenschaft sein eigenes Ding zu machen, neue Lösungen für offensichtliche Bedarfe anzubieten, Vordenker_in zu sein, ein #StartUp und dabei auch mal Risiken einzugehen. Aber natürlich benötigen diese dann auch die engagierte Unterstützung von Entscheidungsträger_innen dabei.

Politik und Verwaltung sollten bei zukünftigen Planungen in jedem Fall unbedingt einkalkulieren: Mobilitätsangebote sind nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor für die Oberlausitz, wenn man Anwohner_innen halten und Urlauber_innen gewinnen möchte. Und sie stärken die Unternehmen und Kulturanbieter_innen, die es in der Region schon gibt. Es ist ja nicht so, dass hier nüscht los wäre – es kommen nur noch lange nicht alle hin….

PS: An diesem Wochenende empfehle ich einen Besuch der ViaThea in #Görlitz. Für #Berliner_innen kein Problem: mit der Bahn oder dem Fernbus ist es weder kompliziert noch teuer dorthin zu kommen. Ab 10 Euro für schlappe 215 km ist man schon dabei. Ich bin mir sicher, dass sich das einige Kulturinteressierte nicht entgehen lassen werden. Für die Freundin meiner Mutsch hier auf dem Dorf, nur 30km von Görlitz entfernt, sieht´s dagegen schon deutlich schlechter aus: wenn sich kein Chauffeur oder eine Chauffeuse finden, die sie im Auto hin und zurück bringen, hat sie einfach Pech gehabt…

Vielleicht sehen wir uns ja in Görlitz oder vielleicht hast Du ja sogar Lust, Pionier_in mit einem Mobilitäts-Startup in der Oberlausitz zu werden? Dann schreib mir, ich freue mich.

Bis dann, Deine tRaumpilotin

www.traumpilotin.de

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