Die Rampenleger: Demografischer Wandel als Chance für Handwerker_innen


Der Demografische Wandel, seine Folgen und mögliche Lösungen ist eins der wichtigsten Themen derzeit. Wie geht man damit um, dass unsere Bevölkerung älter wird? Wie kann man die Arbeitskraft von älter werdenden Arbeitnehmer_innen für alle Beteiligten zielführend erhalten? Welche Bedürfnisse hat eine älter werdende Bevölkerung? Dies waren die zentralen Fragen, die letztendlich zum Projekt “Die Rampenleger” geführt haben.

In dem Projekt „Demografischer Wandel als Chance für Handwerker_innen: Barrierefreiheit als neues Beschäftigungsfeld“ ging es um Lösungen für zwei verschiedene älter werdende Zielgruppen.

Die älter werdende Bevölkerung als zentrales Thema

Die eine Zielgruppe waren älter werdende Handwerker_innen, denen ein neues und körperlich weniger belastendes Beschäftigungsfeld ermöglichen könnte, länger im Beruf zu bleiben als es derzeit der Fall ist. Die zweite Zielgruppe des Projektes waren Menschen, die einen Bedarf an barrierefreiem Wohnraum haben und als Verbraucher_innen umfassend informiert und unterstützt werden sollten.

rampenleger

Zeitungsartikel zum Projektstart in der Berliner Woche

Berlin war erst kurz zuvor von der Europäischen Kommission mit dem Access City Award 2013 wegen seines Engagements im öffentlichen Nahverkehr in Punkto Barrierefreiheit ausgezeichnet worden. Wohnungen, abgestimmt auf die Bedürfnisse einer alternden Gesellschaft, waren und sind jedoch dennoch äußerst rar in der Stadt.

Menschen, die ihr Wohnumfeld behindertengerecht anpassen wollen, stehen in der Regel vor mehreren Problemen. Erstens gibt es bisher kaum Handwerksbetriebe, die in diesem Bereich qualifiziert sind und zweitens müssen die Auftraggeber_innen selbst (zum Beispiel bei einer Badanpassung) im Zuge der Baumaßnahmen mehrere Gewerke koordinieren. Nur wenige Kund_innen fühlen sich dieser Aufgabe gewachsen, erst recht nicht, wenn sie sich gerade in einer Notsituation befinden.

Dazu kommt, dass die Möglichkeiten barrierefreier Wohnungsanpassungen in der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt sind und es bei der Umsetzung noch zahlreiche Fallstricke gibt.

Projektentwicklung aus der Praxis heraus

Als wichtiger Partner beim Aufbau des Netzwerks stand eine erfahrene Fachfirma aus dem Bezirk bereit. Rüdiger DOC-DARMER war zu Projektbeginn bereits seit fünf Jahren als spezialisierter und zertifizierter Fachbetrieb im Bezirk tätig und hatte in dieser Zeit diverse Mitarbeiter_innen eingestellt. Die Möglichkeiten und auch die Herausforderungen in der Branche kannte er also aus eigener Erfahrung.

Barrierefreies Bauen und Wohnumfeld verbessernde Maßnahmen erfordern im Umgang  mit Kund_innen besonderes Fingerspitzengefühl, das gerade ältere Arbeitnehmer_innen aufgrund ihrer Lebenserfahrung eher aufweisen als jüngere.

Durch eine entsprechende Spezialisierung können sie nicht nur von schwerer körperlicher Arbeit entlastet werden, sondern vor allem ihre Fähigkeiten gezielt und gewinnbringend für den jeweiligen Betrieb einsetzen. Fachbetriebe für Barrierefreies Bauen haben somit nicht nur die Chance, durch den demografischen Wandel neue Kund_innen zu gewinnen, sondern auch bewährte ältere Mitarbeiter zu halten. Sie gewinnen dadurch in einer Zeit des steigenden Fachkräftemangels einen deutlichen Marktvorteil.

Ein Beratungskunde wird zum Projektpartner

Rüdiger Darmer selbst hatte ebenfalls einen Bedarf. Das wusste ich, weil ich ihn bereits seit Jahren beriet. Mittlerweile erhielt er zu viele Aufträge, um sie alle alleine abzuarbeiten. Und er hatte festgestellt, dass eine fortlaufende Erhöhung der Anzahl seiner Mitarbeiter_innen zwar die laufenden Kosten seiner Firma deutlich steigerte, aber dafür nicht im gleichen Ausmaß seine eigene Arbeitsbelastung senkte.

Seine Mitarbeiter_innen musste er in der Regel erst noch für den Arbeitsbereich umfassend fortlaufend nachqualifizieren und anleiten. Denn obwohl es mittlerweile einen ausgeprägten Bedarf an barrierefreiem Wohnraum gibt, wurden Handwerker_innen und Planer_innen die speziellen Kenntnisse zur Wohnungsanpassung für Menschen mit Behinderung bisher noch nicht während ihrer Standardausbildung vermittelt.

Rüdiger Darmer wünschte sich daher ein Netzwerk aus fachlich qualifizierten Handwerksbetrieben, mit denen es zukünftig möglich sein würde, gemeinsam Aufträge aus einer Hand abzuarbeiten und sich fachlich auszutauschen. So wollte er nicht nur seinen Kund_innen entgegenkommen, sondern auch die eigene Belastung reduzieren und seine eigene Zufriedenheit im Berufsleben erhöhen.

Der Bezirk hat den Bedarf erkannt

Dieses Projekt wurde also direkt aus der Praxis für die Praxis entwickelt und gründete somit auf verlässlichen und fundierten Grundlagen. Um die Zielsetzung zu erreichen war allerdings ein breites Bündel an Maßnahmen notwendig.

Offensive Öffentlichkeitsarbeit für verschiedene Zielgruppen, Beratung und Qualifizierungsangebote für Handwerker_innen und moderierte Netzwerktreffen waren ein Bestandteil, aber genauso auch eine enge vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Behinderten- und Senioren-Vertretungen, um alle Interessen gleichermaßen zu wahren.

Umgesetzt wurde es zwischen Januar 2013 und Dezember 2014 im Auftrag des Bündnisses für Wirtschaft und Arbeit Friedrichshain-Kreuzberg, das es mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds im Rahmen des Förderprogramms „Partnerschaft-Entwicklung-Beschäftigung“ (PEB) finanzierte. Der Bezirk hatte den Bedarf erkannt und den Nutzen, den ein solches Projekt für seine Bürger_innen bringen würde.

Vielfältige Maßnahmen und zahlreiche Partner_innen

Die umfassende Information der Handwerksbetriebe, die für eine Mitarbeit im Netzwerk gewonnen werden sollten, erfolgte in enger Zusammenarbeit mit starken Partner_innen. Beteiligt waren unter anderem die bezirkliche Wirtschaftsförderung, die Arbeitsagentur, das JobCenter, der Friedrichshain-Kreuzberger Unternehmerverein (FKU) und die Handwerkskammer.

Ebenso wichtig war es, Handwerksunternehmen der türkischen und der arabischen Community im Bezirk zu gewinnen. Auch die Bürgerinnen und Bürger nichtdeutscher Herkunft werden älter und brauchen kompetente Ansprechpartner_innen. Dass die Türkisch-Deutsche Unternehmervereinigung e.V. (TDU) und der GUWBI e. V. (Gesellschaft für Urbane Wirtschaft, Beschäftigung und Integration) als Kooperationspartner_innen in diesem Projekt mit an Bord waren, war daher ein großer Vorteil.

Im Nachgang zu einer Informationsveranstaltung für Senior_innen und Menschen mit Behinderung gründete ich auf Wunsch der Anwesenden hin außerdem die AG Barrierefrei Wohnen Friedrichshain-Kreuzberg, die durch zahlreiche Aktionen sowohl Entscheidungsträger_innen als auch die Presse auf konkreten (politischen) Handlungsbedarf im Bezirk aufmerksam machte.

Nachhaltigkeit durch Eigeninteresse der Beteiligten

Interessierte Handwerkerinnen und Handwerker konnten sich im Rahmen des Projektes direkt an den Handwerker Rüdiger Darmer wenden, wenn sie wissen wollten, ob sich eine Spezialisierung für sie lohnt und was dabei alles auf sie zukommen könnte. In moderierten Gesprächen wurden dann die Grundlagen für eine zukünftige Zusammenarbeit erarbeitet und festgelegt.

Mit dem Handwerker_innen-Netzwerk Die Rampenleger und seinem Ansprechpartner Rüdiger DOC-DARMER etablierte sich so ein kompetenter deutsch-türkischer Ansprechpartner für Barrierefreies Bauen in Friedrichshain-Kreuzberg. Details zu den Aktivitäten und der Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen des Projektes finden sich hier. Die Ergebnisse sind hier beschrieben.

Was ist geblieben?

Bis heute begleite ich DOC-DARMER und sein Netzwerk nach wie vor durch Coaching, strategisches Marketing und Kommunikation. Außerdem ist es mir auch weiterhin persönlich ein Anliegen, alle Interessierten über die Möglichkeiten von Wohnungsanpassungen, innovative Produkte und Unterstützungsangebote zu informieren. Aus meiner ehemaligen Projektwebseite Die Rampenleger ist deshalb mittlerweile ein modernes Online-Magazin geworden, das mit zahlreichen Social-Media-Seiten verknüpft ist.

So ist aus dem ehemaligen Bezirksprojekt nicht nur ein Handwerker_innen-Netzwerk entstanden, sondern im Nachhinein auch noch eine solide Marketing-Grundlage zum Thema Barrierefreiheit. Vorteilhaft ist dabei mit Sicherheit, dass ich mich bereits seit meinem Architekturstudium intensiv mit den Themen Inklusion und Barrierefreiheit beschäftige. Denn wie sollte man sich auch inhaltlich fundiert mit etwas beschäftigen, von dem man keine Ahnung hat?

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